Bindungsangst – Anfangsphase – lasst euch nicht verar…

Warum die Bindungsangst in der Anfangsphase noch nicht ausbricht!

2 wesentliche Gründe, warum Bindungsangst in der Anfangsphase noch nicht ausbricht!

Die Bindungsangst wird erst getriggert, wenn die Bindung tiefer geht

Bindungsangst entsteht nur dann, wenn eine tiefe Bindung vorliegt. Allerdings braucht es Zeit, bis sich eine tiefe Bindung entwickelt. In der Anfangsphase ist diese noch nicht weit genug ausgebaut. So hat man zum Beispiel noch nichts definiert. Es ist noch unklar, ob es sich um eine Affäre oder etwas Längerfristiges handelt. Dadurch ist alles noch viel unverbindlicher. Es besteht jederzeit die Möglichkeit, die Bindung zu verlassen.

 

Zudem hat man noch nicht so viele gemeinsame Erfahrungen gemacht. Erst durch diese gemeinsamen Erfahrungen bildet sich eine tiefe, emotionale Bindung. Man ist also emotional  noch sehr unabhängig voneinander. Zudem hat man sich in der Anfangsphase noch nicht voreinander geöffnet. Man kennt weder die vulnerablen, noch die Schattenseiten des Gegenübers. Insgesamt besteht also eine viel größere emotionale Distanz.

 

Ich weiß noch, wie es bei mir war. Ich bin selbst ehemaliger Bindungsängstler und spreche aus Erfahrung. Immer wenn ich jemanden kennenlernte, war von Bindungsangst keine Spur. Ich fühlte mich frei und konnte meiner Partnerin ohne Probleme nah sein. Wir hingen ständig aufeinander und schrieben täglich. Wir machten endlos lange Spaziergänge und redeten ununterbrochen. Diese Phasen waren für mich oft sehr harmonisch und glücklich. Denn da meine Bindungsängste hier noch nicht getriggert waren, konnte ich mich voll auf die Begegnung einlassen. Allerdings verweilten sie nicht besonders lang.

Die Liebeshormone in der Anfangsphase überdecken die Bindungsangst

Zusätzlich gibt es ein anderes Phänomen in der Anfangsphase. In dieser Phase wird der Körper mit Liebeshormonen überschüttet. Dabei ist der Hormoncocktail so stark, dass die Bindungsangst schlichtweg überdeckt wird. Oxytocin und Serotonin wirken dabei wie eine betäubende Droge. Plötzlich scheinen alle Probleme aus der Welt und man schwebt auf Wolke Sieben. Doch mit der Zeit lassen diese Liebeshormone langsam nach. Wenn eine Bindungsangst vorliegt, wird diese dann wieder spürbar. Oft kommt dann ein abrupter Stimmungswandel in die Beziehung. Die Idylle vom Anfang wird dann plötzlich von einer Krise abgelöst.

Ich weiß noch, dass es bei mir immer drei bis vier Monate gedauert hat. Dann fing ich plötzlich an, meine Bindungsangst zu spüren. Oft kamen diese Ängste dann sehr überraschend und haben ein unglaubliches Gefühlschaos in mir ausgelöst. Das war eine der schwierigsten Eigenschaften von Bindungsangst für mich. Man verliert durch Bindungsangst den Kontakt zu den eigenen Gefühlen. Ich wollte die andere Person weiter lieben, konnte es aber plötzlich nicht mehr fühlen. Da, wo am Anfang Liebe und Zuneigung waren, befand sich plötzlich Angst und Abneigung. Ich versuchte dann verzweifelt, an den Gefühlen der Anfangsphase festzuhalten.

Was passiert, wenn die Bindungsangst in der Anfangsphase zunimmt?

Der Bindungsängstler fängt an seine Ängste in den Partner hinein zu projizieren

Ängste projizieren!

Wir wollen Bindungsangst besser verstehen. Dazu sollten wir uns anschauen, wie Ängste im Allgemeinen funktionieren. Sie haben alle eine Eigenschaft gemeinsam: Sie projizieren. Doch was heißt das? Es heißt, dass sich im Zustand der Angst unsere Wahrnehmung verändert. Plötzlich erscheint uns die Realität schlimmer als sie ist. Wir projizieren Gefahren, wo eigentlich keine sind. Ein gutes Beispiel dafür findet sich in der Natur. Wenn man z.B. nachts allein im Wald spazieren geht, sieht man plötzlich in jedem Schatten eine Gefahr.

Unser Gehirn geht dabei immer wieder die Assoziationen durch, die es mit einem dunklen Wald verbindet. Ein gefährliches Tier scheint hinter jeder Ecke zu lauern. Vor allem, da wir im dunklen Wald nur vage Umrisse unserer Umgebung sehen. Dadurch bekommen unsere Angstphantasien eine umso größere Projektionsfläche. Jedes Geräusch und jeder Windhauch lässt uns dann plötzlich zusammenzucken.

Auch wenn es in Wirklichkeit still und friedlich um uns herum ist, durchleben wir dann starke Angstzustände. Denn unser Gehirn hat im Laufe der Evolution gelernt, dass Vorsicht zum Überleben besser ist als Nachsicht. Vor allem, da in einem Wald tatsächlich viele Gefahren auf uns warten könnten. Unser Körper schüttet dann prophylaktisch Stresshormone wie Adrenalin aus, um uns auf einen Ernstfall vorzubereiten. Dadurch werden unsere Muskeln aktiviert und unsere Wahrnehmung wird geschärft. So sind wir zu jeder Zeit bereit für eine schnelle Flucht oder für einen Kampf ums Überleben.

Wie projizieren Ängste bei Bindungsangst?

Ähnlich wie im Wald ist es mit Bindungsangst. Für den Bindungsängstler ist jede Bindung eine potenzielle Gefahrenquelle. Denn in der Vergangenheit hat man einmal sehr schmerzhafte Erfahrungen innerhalb einer tiefen Bindung gemacht. So zum Beispiel, wenn man von den Eltern als Kind oft vernachlässigt wurde. Auch wenn es eine andere Form von Liebesentzug durch die Eltern gab. Diese schmerzhaften Erfahrungen hat das Gehirn nun abgespeichert. Wenn der Bindungsängstler sich jetzt erneut in eine tiefe Bindung begibt, werden diese abgespeicherten Erfahrungen wieder hochgeholt.

Auch hier handelt das Gehirn nach dem Prinzip: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Das heißt, jede Bindung wird von vornherein als große Gefahr eingestuft. Vor allem, da man diese Bindung mit einer noch unbekannten Person eingeht. Genau wie der dunkle Wald bietet das “Unbekannte” im Gegenüber eine große Projektionsfläche. Alles, was in der Bindung mit den Eltern schief gelaufen ist, findet hier Platz.

Dieser Prozess findet sehr unterbewusst statt und ist dem Bindungsängstler selbst gar nicht klar. Der Bindungsängstler spürt nur ein mulmiges, ungutes Gefühl beim Gedanken an das Gegenüber. In seinem Kopf häufen sich immer mehr Gründe, die angehende Bindung nicht zuzulassen. Oft zeigt sich das, indem der Bindungsängstler sich selbst von der Fehlerhaftigkeit der anderen Person überzeugt. Das Gehirn funktioniert dabei wie eine Lupe. Es sucht sich negative Eigenschaften des Partners und vergrößert diese in der Wahrnehmung. Mit dieser verzerrten Wahrnehmung wird der Partner plötzlich als unattraktiv, voller Makel und ungeeignet gesehen.

Der Bindungsängstler geht in die Distanz

Der Bindungsängstler hebt unterbewusst die Makel im Partner hervor

Der Bindungsängstler fängt also an, die Makel und Fehler in der anderen Person unterbewusst hervorzuheben. Dadurch überzeugt er sich selbst davon, keine Beziehung mit der anderen Person einzugehen. Denn das ist schlussendlich das Ziel der Bindungsangst: die Bindung gänzlich zu vermeiden.

So war es auch bei mir, wenn meine Bindungsangst nach 3-4 Monaten anfing. Immer wenn ich an meine Partnerin dachte, kreisten meine Gedanken um Dinge, die mich an ihr störten. Sowohl auf der körperlichen als auch der charakterlichen Ebene. Dort fand ich immer mehr Problemzonen. Plötzlich erschien mir ihre Nase zu groß, oder ihr Po zu klein. Auf einmal sah ich ihre ganze Persönlichkeit in einem anderen Licht. Ich fing an, narzisstische oder egoistische Züge in ihr zu sehen. Wenn sie ein gesundes Bedürfnis nach Nähe ausdrückte, fühlte es sich an, als wolle sie Besitz von mir ergreifen. Wenn sie fragte, wie es mir geht, fühlte es sich an, als wäre ich in einem Verhör.

Je mehr Nähe der Partner sucht, desto mehr geht der Bindungsängstler in die Distanz!

Immer wenn sich dann meine damalige Partnerin mit mir treffen wollte, spürte ich ein mulmiges Gefühl in meiner Brust. Denn schließlich wollte ich sie nicht verletzen. Das wäre sicher der Fall gewesen, hätte ich ihr von meinem plötzlichen Gefühlsverlust erzählt. Ich konnte mit ihr einfach nicht darüber sprechen. Doch gleichzeitig versuchte ich immer mehr zu verstehen, was in mir vor sich ging. In mir wurde ein Bedürfnis nach Rückzug, Zeit und Ruhe laut. Das führte wiederum dazu, dass ich unsere Dates immer öfter verschob. Dass ich beruflich damals sehr eingesponnen war, machte es noch schlimmer. Ich verbrachte kaum noch Zeit mit meiner Partnerin. Mit der Zeit schuf das immer mehr Unsicherheiten in ihr.

Wenn wir uns dann trotzdem trafen, verschlechterte sich unsere Kommunikation zunehmend. Ich konnte die Makel und Fehler an ihr einfach nicht übersehen. Vor allem, wenn sie dann in Person vor mir stand. Als sie mit mir sprach, schaute ich sie an und sah immer nur die zu große Nase, oder den zu kleinen Po. Auch meine sexuelle Lust ließ nach. Ich hatte schlussendlich gar keine Lust mehr, mit ihr zu schlafen oder ihr nah zu sein. Unsere Gespräche waren plötzlich von einem bedrückenden Grundgefühl überschattet. Oft schwiegen wir uns dann lange an.

Eine On – Off Dynamik entsteht

Der Bindungsängstler befindet sich in einem starken Widerspruch. Denn Bindungen sind ein existenzielles Grundbedürfnis. Genauso wie wir Wasser brauchen, um langfristig zu überleben, brauchen wir Bindungen. Stellen wir uns vor, man hätte Angst davor, Wasser zu trinken. Es würde schon nach kurzer Zeit zu erheblichen Problemen und zum Tod führen. Natürlich ist das ein extremes Beispiel. Doch wenn jemand bindungsgestört ist, kann auf Dauer ein sehr starker Leidensdruck entstehen.  Vor allem dann, wenn es keine freie Wahl ist, allein zu bleiben.

Daher kämpfen im Bindungsängstler zwei verschiedene Grundbedürfnisse gegeneinander. Einerseits das Bedürfnis nach Sicherheit. Die Sicherheit, die dem Bindungsängstler in Bindungen fehlt. Die Sicherheit, welche dem Bindungsängstler als Kind in der Bindung zu den Eltern nicht gegeben wurde. Andererseits das Bedürfnis nach Nähe, Liebe und Geborgenheit. Die Eigenschaften, welche gesunde Bindungen mit sich bringen. Die Eigenschaften, welche der menschliche Organismus braucht.

In einer Beziehung zu einem Bindungsängstler kann dadurch ein sehr ambivalentes Verhalten entstehen. Dabei wechselt der Bindungsängstler ständig zwischen Nähe und Distanz. Diese Signale können beim Partner für extreme Verwirrung sorgen. Lernt der Bindungsängstler nicht, seine Bedürfnisse offen zu kommunizieren, führt das in der Regel zum vorzeitigen Ende der Bindung.

Ich weiß noch, wie es bei mir war. Sobald ich merkte, dass meine Partnerin mehr wollte, meldete ich mich ein paar Tage nicht. Denn immer dann wurde meine Bindungsangst getriggert. Wenn ich dann aber feststelle, dass keine Antwort zurückkam, begann ich wieder auf sie zuzugehen. Dann kamen die Gefühle der Anfangsphase plötzlich wieder zurück. Doch sobald ich ihr schrieb und sie wieder Interesse zeigte, ging ich wieder in die Distanz. In dieser On – Off Dynamik überlebten meine Bindungen dann oft nicht lange.