Einleitung
Worum geht es in diesem Text?
Erster Abschnitt
Dieser Text gliedert sich in zwei Abschnitte. Zuerst möchte ich darauf eingehen, warum die Gefühle bei Bindungsangst verschwinden. Dahinter befinden sich einige psychologische Mechanismen. 2 dieser Mechanismen möchte ich näher beleuchten. Das wird dir helfen, ein besseres Verständnis für das Thema zu bekommen.
Zweiter Abschnitt
Im zweiten Abschnitt möchte ich dir 3 konkrete Tipps geben, falls du mit einem Bindungsängstler zusammen bist. Wie kannst du die Anziehung zwischen euch aufrechterhalten und die Beziehung retten? Dazu habe ich 3 wichtige Punkte zusammengestellt, die du in der Beziehung mit einem Bindungsängstler unbedingt beachten solltest.
Warum bei Bindungsangst die Gefühle plötzlich weg sind
Punkt 1 Wo die Angst ist, kann die Liebe nicht sein
Ängste projizieren
Es ist ein natürlicher Bestandteil von Bindungsangst, dass man die Gefühle für den Partner nicht mehr wahrnimmt. Der plötzliche Abfall von Zuneigung und Anziehung ist dabei ein typisches Symptom. Das liegt erst einmal daran, dass Ängste viele andere Gefühle blockieren. Sobald Bindungsängste ausgelöst werden, verändert sich die Wahrnehmung des Betroffenen. Man fängt an, den Partner durch eine „Angst-Brille“ zu sehen. Dabei funktioniert Bindungsangst wie ein Warnsystem. Alle Gefahren, die wir durch eine Bindung fürchten (verlassen werden, verletzt werden etc.) werden in den Partner hineinprojiziert.
Um dieses Prinzip besser verstehen zu können, möchte ich ein Beispiel nehmen. Fast jeder kennt es. Sicher bist du schon einmal im Dunkeln in der Natur gewesen. Wenn du z.B. nachts im Wald spazieren gehst, erschreckst du dich vor jedem Schatten. Dein Gehirn projiziert potenzielle Gefahren in jedes kleinste Rascheln. Das liegt daran, dass dein Gehirn auf eine „Angst-Brille“ umschaltet. Zum einen, da du unterbewusst weißt, dass in einem Wald echte Gefahren auf dich lauern könnten. Zum anderen, da du in der Dunkelheit kaum etwas sehen kannst. Dadurch kann dein Gehirn Bewegungen und Geräusche nicht als harmlos einstufen. Wenn du einmal in diesem Zustand bist, braucht es eine ganze Weile, bis du die Angst-Brille wieder absetzen kannst.
Wie Bindungsängste zum Verlust der Anziehung führen
Bei Bindungsangst ist es ähnlich. Vor allem, wenn man gerade frisch jemanden kennenlernt hat. Da man den Partner noch nicht gut kennt, haben die Bindungsängste eine große Projektionsfläche. Wie im Beispiel mit dem Wald. Durch die Dunkelheit verstärkt sich die Angst. Ich kenne es von mir selbst. Ich litt selber viele Jahre unter Bindungsängsten. Immer wenn ich kurz vor einer Beziehung mit stand, begann ich, den Partner in einem verzerrten Licht zu sehen.
Bestimmte Verhaltensweisen nahm ich plötzlich als kontrollierend und grenzüberschreitend wahr. Ich begann, meine Partnerin auf einmal als toxisch einzustufen. Manchmal reichte eine einfache Nachricht, dass sie mich vermisst. Dann fühlte ich mich vereinnahmt und überfordert. Wenn sie nur das Kleinste an mir kritisierte, fragte ich mich, ob sie eine Narzisstin sei. Genauso habe ich auch an ihrem Äußeren plötzlich überall Fehler gesehen. Ich sah körperliche Makel, die mir vorher kaum auffielen. Diese erschienen mir plötzlich störender als zuvor. Das ging so weit, dass auch meine sexuelle Anziehung irgendwann komplett nachließ.
Punkt 2 Die Hormone der Anfangsphase überdecken die Bindungsangst
Liebe wirkt wie eine Droge!
Gerade am Anfang einer Bindung werden im Körper viele Liebeshormone ausgeschüttet. Diese sorgen dafür, dass wir auf Wolke sieben schweben. Wir nehmen die Probleme in unserem Leben anders wahr. Krisen, emotionale Tiefs und unsere Baustellen scheinen plötzlich eine vage Erinnerung zu sein. Liebeshormone funktionieren dabei ähnlich wie eine Droge. Sie betäuben uns und wir spüren unsere Ängste kaum noch. Lässt die Liebesdroge jedoch nach, kommen auch unsere Schattenseiten wieder zum Vorschein. Denn unser Körper kann den Zustand der Verliebtheit nicht ewig aufrechterhalten. So lassen die Liebeshormone phasenweise nach. Meistens nach etwa 3-7 Monaten.
Oft kommt es nach der Kennenlernphase einer Bindung dann zu einem Bruch. Dann entscheidet sich, ob aus der Begegnung eine tiefere Beziehung wachsen kann. Bindungsängstler werden dann oft von ihren Ängsten überrannt. Oft können sie es selbst gar nicht einordnen. Vor wenigen Tagen oder Wochen haben sie noch diese intensiven Liebesgefühle gehabt. Doch auf einmal sehen sie ihren Partner in einem negativen Licht. Sie fühlen einen Sog in die Distanz zu gehen. Auch das kenne ich aus meiner Phase als Bindungsängstler. Das war für mich immer besonders schwer. Ich wollte die andere Person weiter lieben, doch ich konnte es einfach nicht mehr.
Was solltest du tun, wenn durch Bindungsangst die Gefühle deines Partners plötzlich weg sind?
Punkt 1: Fange an, richtig mit deinem Partner zu kommunizieren!
Was du in der Kommunikation vermeiden solltest!
Bei Bindungsangst ist es wichtig, besonders vorsichtig zu kommunizieren. Das heißt, du solltest jede Form von Aggression vermeiden. Versuche alles, was du sagst, ruhig und bestimmt zu formulieren. Das gilt vor allem für tiefere Gespräche, in denen du deine Bedürfnisse kommunizierst. Zudem ist es wichtig, dass ihr euch bei solchen Themen in Person seht und redet. Zu viel Kommunikation auf Social Media ist dafür nicht geeignet. Denn Worte ohne Stimmton und Gestik können viel leichter in den falschen Hals geraten. Im Falle des Falles solltest du auf Sprachnachrichten oder Telefonate zurückgreifen.
Warte bis er/sie offen ist für ein Gespräch!
Bindungsangst ist eine Angst. Das heißt, das Alarmsystem des Betroffenen ist aktiviert. Wenn du versuchst, mit Druck zu agieren, hast du kaum eine Chance. Denn ein Mensch im Zustand der Angst wird sich schnell angegriffen fühlen. Entweder wird er der Situation entfliehen oder ein endloser Streit entsteht. Deshalb gilt immer, dass du in Zeiten von Krisen eher in die Distanz gehen solltest. Der Bindungsängstler bekommt so seine Zeit, um von alleine wieder auf dich zuzugehen. Erst dann ist er/sie offen für ein Gespräch!
Zudem ist es ratsam, dass du bei der Kommunikation deine Gefühle aus der Ich-Perspektive beschreibst. Formuliere deine Sorgen und Ängste niemals als Kritik. Nehmen wir zum Beispiel an, dass du in der Beziehung mehr Zeit verbringen möchtest. Du hast dich für ein Gespräch oder Telefonat mit ihm/ihr verabredet und möchtest dein Anliegen teilen. Jetzt solltest du Sätze vermeiden, wie: ”Du hast nie Zeit für mich und ich bin dir doch völlig egal” oder “Wieso möchtest du mir nicht nah sein?”. Diese Sätze fällen ein Urteil über ihn/sie und nicht über deine Gefühlswelt!
Teile deine Gefühle aus der Ich-Perspektive mit!
Geher eher in deine Gefühlswelt. Teile diese aus der Ich-Perspektive mit. So könntest du zum Beispiel sagen: “Ich vermisse dich immer so sehr, nachdem wir uns gesehen haben.“ Oder: „Ich würde mir wünschen, noch einen Tag länger mit dir zu verbringen.” Du wirst sehen, dass dein Gegenüber deine Information viel offener annehmen wird. Diese Art der Kommunikation kannst du deinem Partner ebenso verraten. Auch er/sie kann lernen, sein Bedürfnis auf der Gefühlsebene mitzuteilen. Diese Methode war für mich damals ein Game Changer. Sie hat viel dazu beigetragen, dass ich meine Bindungsangst überwinden konnte. Heute bin ich in einer glücklichen Beziehung und wende diese Methode regelmäßig an!
Punkt 2 Baue keinen Druck auf
Bindungsängstler sind oft unerfahren in Beziehungen!
Wenn ein Bindungsängstler eine Bindung eingeht, bringt das oft eine Menge Probleme mit sich. Denn Bindungsängstler sind oft sehr unerfahren in Bindungen. Oft haben sie jahrelange Single-Phasen hinter sich. Dann ist es schwer, sich auf einen Beziehungspartner einzustellen. Deshalb brauchen sie oft mehr Zeit, um in einer Beziehung voranzuschreiten. Natürlich ist die Euphorie und Begeisterung am Anfang einer Beziehung groß. Die Probleme treten in den Hintergrund. Dann treffen Bindungsängstler manchmal vorschnelle Entscheidungen. So kann es zum Beispiel sein, dass man nach kurzer Zeit zusammenzieht, obwohl man noch gar nicht dafür bereit ist.
Der Bindungsängstler sollte bereit sein für jeden Schritt!
In Beziehungen gibt es immer so genannte Stepstones. Das kann alles sein, was die Bindung vertieft und auf eine neue Ebene hebt. Diese Stepstones lösen immer wieder Bindungsangst aus. Denn sie bedeuten mehr Nähe und mehr Commitment. Deshalb ist es wichtig, dass der Bindungsängstler dafür bereit ist.
Stepstones können zum Beispiel sein:
- das erste Mal
- sich das erste Mal über längere Zeiträume sehen
- das Kennenlernen der Freunde/Familie
- gemeinsamer Urlaub/Reisen
- Verlobung
- Einzug in die gemeinsame Wohnung
In einer Beziehung geht man immer weiter in die Nähe. Ein Bindungsängstler braucht Zeit, jeden Schritt zu verarbeiten. Stell dir vor, du hast Angst vor Wasser, da du nie Schwimmen gelernt hast. Dann ist es ratsam, das Wasser erstmal nur mit dem Fuß zu berühren. Als nächstes gehst du bis zu den Knien. Dann übst du im flachen Wasser das Schwimmen. Schritt für Schritt lernst du dich so freier im Wasser zu bewegen. Irgendwann schwimmst du dann, ohne drüber nachzudenken im tiefen Wasser.
So ist es auch mit Bindungsangst. Der Bindungsängstler muss seine Ängste langsam angehen. Immer Schritt für Schritt. Dabei ist es wichtig, dass jeder Schritt umsetzbar bleibt. Überforderung steigert nur die Ängste. Das Ziel ist es, mit jedem Schritt eine sichere Erfahrung zu machen. Das stärkt das Selbstbewusstsein.
Punkt 3 Löse deine Verlustängste auf
Warum du wahrscheinlich Verlustängste hast!
Viele Bindungsängstler suchen sich Partner, welche Verlustängste haben. Das ist eine häufige Dynamik, die ich auch als Coach oft vorfand. Dabei triggern sich beide Partner immer wieder gegenseitig. Der Bindungsängstler geht immer wieder in die Distanz. Dadurch bekommt der Verlustängstler Panik, den Partner zu verlieren. Das wiederum führt dazu, dass der Verlustängstler dem Bindungsängstler hinterherrennt. Dadurch geht der Bindungsängstler weiter in die Distanz. Ein Teufelskreis entsteht.
Die Wahrscheinlichkeit ist also sehr hoch, dass du ein Verlustängstler bist. Wenn das der Fall ist, solltest du einen Weg finden, diese Verlustängste aufzulösen. Denn durch die Verlustängste stachelst du die teuflische Dynamik immer weiter an. Wie gesagt, der Bindungsängstler braucht Pausen von der Nähe. Er muss immer wieder in die Distanz gehen. Er muss langsam lernen, sich in der Nähe sicher zu fühlen. Deshalb musst du lernen, dich in der Distanz sicher zu fühlen.
Wie kannst du deine Verlustängste auflösen?
Dafür habe ich auf meiner Internetseite einige hilfreiche Videos. Mein grundlegender Ansatz ist dabei die Arbeit mit dem inneren Kind. Den Begriff “inneres Kind” hast du vielleicht schon einmal gehört. Die Theorie des inneren Kindes geht davon aus, dass Traumata aus der Kindheit das Verhalten im Erwachsenenalter beeinflussen. Bindungsmuster und Coping – Strategien werden dabei unterbewusst aktiv. Sowohl Verlustängste als auch Bindungsängste zählen dazu.
Die Therapie dieser Ängste ist möglich, indem traumatische Erfahrungen aus der Kindheit hochgeholt werden. Dann folgt ein Umprogrammieren der schmerzhaften Erinnerungen aus Vergangenheit. Dadurch werden die Gefühle im Unterbewusstsein neu verknüpft. Es ist möglich, eine gängige Therapie aus der westlichen Medizin zu machen. Ich empfehle vor allem die Psychoanalyse. Allerdings gibt es auch viele andere Wege in der Self Help Community. Schaue dich einfach auf meiner Internetseite zum Thema Verlustangst um.
