Einleitung
Worum geht es in diesem Text?
Abschnitt 1
Im ersten Abschnitt möchte ich auf die Ursachen für Unsicherheit und Ambivalenz in Bindungen eingehen. Dafür möchte ich 2 Grundbedürfnisse näher erläutern:
- das Bedürfnis nach Sicherheit
- das Bedürfnis nach Nähe/Bindung
Ich werde darauf eingehen, wie diese Grundbedürfnisse mit der Entwicklung von Bindungsangst und Verlustangst zusammenhängen.
Abschnitt 2
Im zweiten Abschnitt möchte ich dir zeigen, wie du deine aktuelle Beziehung heilen kannst. Ich werde dir zeigen, wie du motiviert in einen Veränderungsprozess gehen kannst. Zusätzlich werde ich dir Tipps geben, um deine gestörten Bindungsmuster aus der Kindheit aufzulösen.
Wodurch entsteht Unsicherheit/Ambivalenz in Bindungen?
Bindungsangst als Ursache für Unsicherheit/Ambivalenz
Bindungsängstler senden widersprüchliche Signale
Ein ambivalentes Verhalten bedeutet, dass widersprüchliche Signale an den Partner gesendet werden. Einerseits der Wunsch nach Verbundenheit und Liebe. Andererseits der Wunsch nach Rückzug, Isolation und Distanz. Das kann sehr viele verschiedene Ursachen haben. Eine dieser Ursachen ist mir in meiner Praxis als Coach immer wieder begegnet: Bindungsangst. Im Falle von Bindungsangst kämpfen im Unterbewusstsein des Betroffenen zwei unterschiedliche Bedürfnisse gegeneinander. Einerseits das Bedürfnis nach Bindung, andererseits das Bedürfnis nach Sicherheit.
Zusätzlich gibt es ein Phänomen, dass am Anfang einer Beziehung auftritt. Dieses intensiviert die Widersprüchlichkeit im Bindungsängstler weiter. In dieser Phase wird die Bindungsangst von starken Liebesgefühlen überdeckt. Ein Cocktail an Hormonen wird im Körper freigesetzt. Diese wirken wie eine Art Droge, wodurch Ängste betäubt und weniger wahrgenommen werden. In dieser “Honeymoon Phase” sucht der Bindungsängstler deshalb immer wieder die Nähe. E/Sie will sich ständig treffen und schreibt ununterbrochen.
Doch mit der Zeit lassen die Liebeshormone aus der Kennlernphase nach. Meistens etwa nach 3-9 Monaten. Schließlich kann der Körper die “Liebesdroge” auf Dauer nicht aufrechterhalten. Die Bindungsangst kommt dann wieder hoch. Dadurch geht der Betroffene plötzlich emotional in die Distanz. Eine “gesunde” Partnerschaft würde an diesem Punkt in eine bodenständige Phase übergehen. Doch bei einem Bindungsängstler gehen Beziehungen an diesem Punkt immer wieder kaputt.
Die Grundbedürfnisse nach Bindung und Sicherheit
Das Bedürfnis nach Bindung
Jeder Mensch besitzt das Grundbedürfnis nach Bindung. Wir sind soziale Wesen, die dafür gemacht sind, in Beziehung zueinander zu leben. Ohne diese können wir uns alleine und isoliert fühlen. Auf Dauer kann das zu ernsthaften Problemen führen. Das sieht man schon daran, wie wir auf die Welt kommen. Ein Kleinkind ist komplett auf die Versorgung durch die Eltern angewiesen. Ohne diese würde es nicht überleben. Doch auch im Erwachsenenalter brauchen wir Bindungen. So zum Beispiel durch Freundschaften und unsere Familie. Vor allem aber auch innerhalb einer Partnerschaft/Beziehung. Solche Bindungen bringen allerdings auch eine tiefe Nähe mit sich. Diese wird beim Bindungsängstler mit einer panischen Angst verknüpft.
Das Bedürfnis nach Sicherheit
Das Grundbedürfnis nach Sicherheit ist ebenso ein wichtiger Bestandteil unseres menschlichen Daseins. Für Beziehungen gilt das vor allem auf emotionaler Ebene. Erst durch emotionale Sicherheit können wir uns binden und zusammenwachsen. Das ist ein natürlicher Mechanismus der Evolution. Dadurch vermeiden wir, dass wir uns auf eine Person einlassen, die uns langfristig schadet. Für das Eingehen einer Bindung braucht es deshalb ein tiefes Vertrauen. Dem Bindungsängstler fällt es jedoch schwer, dieses Vertrauen aufzubauen. Der Betroffene muss immer wieder in die Distanz gehen, um sich sicher zu fühlen.
Warum hat ein Bindungsängstler Angst vor Bindungen?
Woher kommt Bindungsangst eigentlich? Bindungsangst entsteht in den meisten Fällen in der Kindheit des Betroffenen. Oft durch gestörte Bindungsverhältnisse mit den Eltern. Meistens gehen damit sehr viele schmerzhafte Erfahrungen einher. So zum Beispiel Liebesentzug, emotionaler Missbrauch und seelische Vernachlässigung etc. Für ein Kind gibt es in diesem Fall oft nur einen Ausweg: Sich emotional von dem entsprechenden Elternteil zu distanzieren. Dieser Schutzmechanismus machte es möglich, die schmerzhaften Erfahrungen besser zu kompensieren.
Das passiert oft vollkommen unterbewusst. Die Psyche versucht sich so, vor einer erneuten seelischen Verletzung zu schützen. So kann gleichzeitig die Verbindung zu den Eltern aufrechterhalten werden. Die gesund gebundenen Anteile mit den Eltern können weiter bestehen. Doch der Widerspruch zwischen Nähe und Distanz prägt sich tief im Unterbewusstsein des Kindes ein. Die elterliche Hand versorgt uns an einem Tag mit Liebe. An einem anderen fügt sie uns tiefe seelische Schmerzen zu. Mit emotionaler Distanz erlebt das Kind dann zumindest ein gewisses Maß an Sicherheit. Deshalb zieht sich ein Bindungsängstler im späteren Leben auch immer wieder zurück.
Verlustangst als Ursache für Unsicherheit/Ambivalenz
Verlustängstler versuchen den Partner zu kontrollieren
Bindungsängstler geraten oft in eine Beziehungen mit verlustängstlichen Partnern. Diese haben oft große Schwierigkeiten, sich in der Distanz sicher zu fühlen. Sie müssen immer wieder sicherstellen, dass die Liebe des Partners gewährleistet ist. Dafür entwickeln sie zwanghafte Kontrollmechanismen. So zum Beispiel, indem sie ständig schreiben, eifersüchtig sind und den Partner kaum alleine lassen können. Doch dadurch kann die Beziehung oft nicht atmen. Je mehr der Verlusängstler versucht zu kontrollieren, desto schlimmer wird die Situation. Schnell fühlt sich der Bindungsängstler in die Enge getrieben. Dadurch flieht er/sie weiter in die Distanz. Das wiederum triggert weitere Verlustangst. So kann ein Teufelskreis entstehen, der die Beziehung immer weiter belastet.
Wie entsteht Verlustangst?
Genauso wie Bindungsangst hat auch Verlustangst seine Ursache in der Kindheit. Auch hier gibt es eine Störung in der Beziehung zwischen Eltern und Kind. So zum Beispiel, wenn das Kind sich oft selbst überlassen wurde. Die Suche nach Nähe zu den Eltern wird dann zur Hauptmission. Oft muss sich das Kind dafür stark anpassen. Kinder wissen dabei genau, wie sie die Liebe ihrer Eltern bekommen können. Egal ob durch ein bestimmtes Verhalten, eine bestimmte Gestik/Mimik oder besondere Leistungen. Allerdings bekommt ein Kind dann ebenso das unterbewusste Signal, nicht sicher geliebt zu werden. Denn es gibt immer eine Bedingung, die daran geknüpft wird.
Auch im Erwachsenenalter zeigt sich diese Abhängigkeit in der Liebe. In Beziehungen tritt diese Dynamik besonders hervor. Sobald der Partner in die Distanz geht, wird die Verlustangst getriggert. Oft schaffen es die Betroffenen dann nicht, eine gesunde Selbstliebe zu entwickeln. Sobald sie mit sich alleine sind, fangen die Gedanken an zu kreisen. Sie fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben. Sie entwickeln eine Obsession über das eigene Selbstbild und suchen immer wieder die Bestätigung vom Partner.
Wie kann die Unsicherheit/Ambivalenz in der Beziehung überwunden werden?
Schritt 1: Mache dir bewusst, was du willst!
Toxische Beziehungen sind normalisiert in unserer Gesellschaft
Grundlegend tragen wir alle verschiedene Anteile in uns. Manche sind bindungsfähig und manche nicht. In Manchen tragen wir Verlustangst und in anderen nicht. Jeder Mensch hat seine eigene, individuelle Konstellation. Bestimmen diese Anteile das Handeln und werden zwanghaft, kann von einer Bindungsstörung gesprochen werden. In unserer heutigen Gesellschaft ist das leider keine Seltenheit. Wir leben in einer Zeit, in der das Individuum gepriesen wird. Zwischenmenschliche Bindungen werden immer häufiger ausgetauscht und aufgegeben. Oft werden sie eher als Zweckbeziehungen gesehen und es mangelt an Echtheit und Tiefe. Das Leben im Kapitalismus scheint die Verbundenheit der Menschen auf eine harte Probe zu stellen.
Wie möchtest du als Mensch leben?
Frage dich also genau, welchen Weg du als Mensch gehen möchtest. Schlussendlich haben wir alle die Grundbedürfnisse nach Bindung und Sicherheit. Sie sind uns von der Evolution vererbt worden. Genauso wie ein Fisch nicht an Land atmen kann, erkrankt ein Mensch an zu viel Isolation und Individualismus. Frage dich, welche Art von Beziehungen du dir in deinem Leben wünschst? Ist dein jetziger Partner der/die Richtige dafür? Seid ihr zusammen reflektiert und bereit, einen Schritt zur Veränderung zu gehen? Falls ja, könnt ihr es versuchen. Falls nicht, solltest du es lassen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die viel zu lange in toxischen Bindungen blieben. Manchmal haben sie jahrelang darunter gelitten, da sie einfach nicht loslassen konnten. Glaub mir, das willst du nicht!
Schritt 2: Arbeit an der Beziehung
Kontaktsperre als Krisenintervention
Eine toxische Beziehungsdynamik kann entstehen, wenn 2 Menschen mit Bindungsstörungen aufeinandertreffen. Dann triggern sie sich immer wieder gegenseitig. Die Frage ist dann, wie und ob die toxische Dynamik durchbrochen werden kann. Solch eine Beziehung trägt immer zwei Potenziale in sich. Einerseits eine Schlammschlacht, in der keiner der beiden Partner glücklich sein wird. Andererseits das Potenzial, sich gegenseitig in der Bindungsstörung zu heilen. Allerdings ist das kein leichtes Unterfangen. Es braucht die aufrichtige Motivation beider Partner an sich und der Beziehung zu arbeiten.
In meiner Praxis als Couch habe ich viel mit Verlustängstlern und Bindungsängstlern zusammen gearbeitet. Die meisten Klienten kamen an dem Punkt zu mir, wo die Beziehung zu zerbrechen drohte. In diesem Fall war es immer ratsam, erstmal auf Abstand zu gehen. Krisenbewältigung und ein Reboot können helfen, eine Veränderung in der Beziehung zu initiieren. So kann der Bindungsängstler sich erstmal wieder ordnen und sammeln. Denn in der Distanz fühlt er/sie sich sicher. Der Verlustängstler hingegen kann sich in Selbstliebe üben. Meistens schlage ich eine Pause von etwa 2-4 Wochen vor. Das ist genug Zeit, um die Situation erstmal zu deeskalieren.
Langfristige Arbeit an der Beziehung
Doch damit ist es nicht getan. Um die Beziehung wirklich zu heilen, braucht es tägliche Arbeit. Das heißt, dass immer ein Raum geschaffen werden muss, um mit den aufkommenden Triggern zu arbeiten. Einerseits, indem sie offen zwischen den Partnern kommuniziert werden. Andererseits, indem jeder Partner sich selbstständig mit der eigenen Bindungsstörung auseinandersetzt. Das kann unter anderem mit therapeutischer Hilfe umgesetzt werden. Doch es gibt viele verschiedene Wege. So finden sich auch auf meiner Internetseite viele praktische Tipps, wie du an deinen Triggern arbeiten kannst. Egal ob du Bindungsängstler oder Verlustängstler bist.
Die emotionalen Prozesse sind oft kräftezehrend, anstrengend und nehmen viel Raum ein. Schließlich geht es darum, sich den Ängsten zu stellen und verdrängte Gefühle hochzuholen. In therapeutischer Arbeit werden diese hinterfragt, neu verknüpft und losgelassen. In der Beziehungsarbeit werden sie geteilt und validiert. Schlussendlich hat die Kraft der Liebe eine heilende Wirkung. Am Anfang mag das schwer erscheinen. Doch mit der Zeit bildet sich ein Momentum und die Arbeit wird leichter. Zusätzlich werden immer mehr Bindungstraumata geheilt, wodurch die Beziehung selbst heilt. Dann kann sie eine verlässliche Kraftquelle im Leben werden.
